The Palliative Turn

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Flyer-Material der Association for the Palliative Turn


Foto: Christopher Paksi

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Foto: Simon Blanck

Die Palliative Wende - wie würden Sie gern Abschied nehmen?
19. August 2021 bis 17. Oktober 2021
Es ist einige Zeit her, dass sich Künstler widerspruchslos mit Schneidern und Maurern vergleichen ließen. Damals zählte die Medizin noch zu den praktischen Künsten und umgekehrt galten Malerei und Bildhauerei als respektables Handwerk mit handfestem Nutzen. Heute, ein halbes Jahrtausend später, lässt Kunst sich lieber als Gegenbild zu den Zielen und Zwängen der Gesellschaft feiern. In einer Welt voller Abhängigkeiten ist sie eine Fata Morgana der Freiheit und kümmert sich nicht um Regeln. Niemand verlangt ihr einen anderen praktischen Nutzen ab, als unser Bewusstsein und unsere Aufmerksamkeit zu schärfen. Doch was, wenn die Wirtschafts- und Ökosysteme zu kollabieren beginnen und ein Rekorde brechender Kunstbetrieb so zukunftsweisend erscheint wie ein Dieselmotor?
Ausstellungsort:  Freundschaftsinsel
Eröffnung:  Mittwoch, 18. August 2021 , 19:00

Wenn Rückbau und Schadensbegrenzung zu den praktischen Künsten der Zukunft werden, könnte man fragen, was wohl mit der Kunst der großen Utopien und Avantgarden passieren wird, die mit dem Finger auf andere zeigt und die wir in dieser Form erst seit wenigen hundert Jahren bewundern? Ändert sie ihr Geschäftsmodell und wird zu einer behutsamen Begleiterin des Verschwindens? Gestaltet sie die Krise und macht sie erträglich? Hilft sie uns, sich mit der Stagnation als neuem Wunschbild zu befreunden, während wir lernen, dass es nicht mehr höher, nicht schneller und auch nicht wertvoller und teurer geht?

Der BKV Potsdam zeigt eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die eine „palliative Wende“ proklamiert. Sie lehnen sich an jene medizinische Fachrichtung an, die das Sterben begleitet und nicht länger auf die Wiederherstellung des körperlichen Zustandes vor der Erkrankung zielt, sondern den angemessenen Umgang mit dem Unvermeidlichen sucht. Da, wo der Mensch nicht heilbar ist, will die palliative Medizin ihm seine Würde bewahren. Sie ist die Kunst der Anpassung an die Schwäche und der Wertschätzung verbleibender Spielräume. Zu allen Zeiten gab es Künste und Kulturen, denen diese Haltung nicht fremd war.

Das globalisierte Betriebssystem Kunst hingegen kennt seit der Moderne nur die Expansion. Bis heute ist die Kunst eine Beutegreiferin, nährt sich von allem, was ihr begegnet und verleibt es sich ein. Die Association for the Palliative Turn fragt mit offenem Ausgang, was nach dem Zeitalter der Gefräßigkeit kommt. Folgt auf das Stechen und Hauen, Auftrumpfen und Erobern die Langeweile? Gibt es den Punkt, an dem die Kunst endet? Und was erfahren Künstlerinnen und Künstler, wenn sie denen zuhören, für die eine palliative Perspektive der Normalzustand ist? In Medizin und Klimafolgenforschung, Ökologie und Versicherungsmathematik sind Tod und Endlichkeit, Krisenbewältigung und Einsicht in das Unvermeidliche Alltag.

Die Ausstellung ist eine Dokumentation der Neugier auf diese Praxis. Sie fragt nach Fakten und Philosophien und versteht sich nicht als Inbesitznahme eines beliebigen weiteren Themenfeldes, sondern als Selbstinfragestellung der eigenen Profession, als Kritik unserer allgegenwärtigen Ästhetik der Expansion und als Beginn eines unvermeidlichen Dialogs. Sie ist gleichermaßen frei von Koketterie und Apokalypse. Stattdessen will sie daran erinnern, dass dem globalen Patienten von seinen Ärzten eine recht eindeutige Prognose eröffnet wurde. Es kann sein, besagt sie, dass es mit uns zu Ende geht. Die Künstlerinnen und Künstler machen sich mit energischer Lust daran, die Diagnose nicht länger zu verdrängen.

 

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Assosciation for the Palliative Turn