Stefan Demary

Fotos 1, 3, 5, 6, 9 + 11
Ausstellungsansicht der Studioausstellung von Stefan Demary
Courtesy: Stefan Demary / BKV Potsdam e.V.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Foto: Holger Herschel
Fotos 2, 4, 7, 8, 10 + 12
Courtesy: BKV Potsdam e.V.
Foto: Gerrit Gohlke
Studioausstellung
14. August 2005 bis 17. September 2005
Eine Ausstellung unter prekären Bedingungen. Ein Kunstverein kämpft um sein Überleben. Sein Kapital ist ein Raum. Der Künstler soll ihn füllen. Von einem Budget kann keine Rede sein. Stefan Demary baut ein künstlerisches Vexierspiel um Geld, Leere und Ambition. Er legt den Finger in die Wunde - und macht den ganzen Kunstverein zur Groß-Skulptur. Dabei setzt er ein, was er finden kann. Den Kühlschrank des Sekretariats, einen sorgsam im Antiquariat gesuchten archetypischen Billig-Hocker, eine etwas zu feist geratene Ausstellungswand aus einer anderen Ausstellung und eine Akt-Setcard als Einladungskarte, die dem Verein wütende Proteste einbringen wird. Wer der Karte folgt und kommt, ist mit sich, seinem Begehren und einer Wand allein. Mit dieser Ausstellung hat der BKV Potsdam sich neu erfunden.
Künstler:  Stefan Demary
Kurator:  Gerrit Gohlke
Ausstellungsort:  Luisenforum
Eröffnung:  Samstag, 13. August 2005 , 19:00
Der in Düsseldorf lebende Künstler Stefan Demary hat das Ober- und Untergeschoss des Kunstvereins mit zwei Installationen in einen Ort subtiler Doppeldeutigkeit verwandelt. Seine Eingriffe in den Ausstellungsraum überraschen und irritieren die gewohnten Erwartungen, mit denen das Publikum einerseits den Kunstgegenständen und andererseits dem Kunstverein gegenübertritt. Wo sonst Bilder hängen oder großräumige Videoprojektionen beeindrucken, präsentiert Demary wenige, pointiert platzierte Alltagsobjekte, die nicht nur als Skulpturen gelesen werden können, sondern auch zu einem Selbstkommentar der Kunst und der Ausstellungsinstitution werden.

Fast scheint es deshalb, als führten Demarys Objekte ein Doppelleben. Sie sind abgeschlossene Werke und präzise entworfene Skulpturen. Eine meterhohe Wand im Eingangsbereich erfüllt ihre Rolle als minimalistische Skulptur und posiert als erhabener Blickfang für das Publikum. Der dahinterliegende leergelassene und unveänderte Raum lenkt den Blick auf die Raumintervention zurück und unterstreicht ihre Bedeutung. Als purer Minimalismus lässt sich die Installation aber schon deshalb nicht lesen, weil der weiße Quader mit der wenig würdigen Nachbarschaft eines angejahrten Küchen-Hockers auskommen muss. Auf ihm steht ein Teller, auf dem sich Münzen befinden, ganz so als verlange der Kunstverein Eintritt oder rufe zu Kleingeldspenden auf. Wie vor einer öffentlichen Toilette scheinen Passanten einen Obolus zu entrichten. Die Wand wird so zu einem sozial etwas fragwürdigen Entrée. Sie artikuliert ein Versprechen wie auf dem Jahrmarkt: Wer spendet, darf hinter die Wand schauen. Wer zahlt, wird unterhalten. Was dann als Unterhaltung folgt, ist jedoch ein leerer Kunstverein, in dem pflichtgemäß die Alltagsarbeit geleistet wird, weitere Erhabenheiten aber nicht geboten werden. Und hat nicht auch die Wand noch vor kurzem ein Vorleben als Projektionsfläche in einer ganz anderen Ausstellung gehabt?

So wenden sich Demarys Installationen immer an den Betrachter und fordern seine mitgebrachten, an die Kunst herangetragenen Erwartungen heraus. In entwaffnender Komik präsentieren sie die Pointen zu Erzählungen, die nur das Publikum kennen kann, weil es sie erst konstruieren muss. Die Betrachter selbst müssen die Antworten auf Demarys Erhabenheitsverweigerungen geben. Sie müssen sich plausibel machen, welche Kollision das Unpassende oder nicht ganz Gemäße mit den großen Gesten der Kunst zusammengeführt hat, die allerorten ständig wiederholt werden, ohne dass noch zu sagen wäre, welche Rolle sie in einer Gesellschaft voller ästhetischer Schlichen und Pointen spielen. Demary hingegen lenkt die Fragen auf die Kunst, die Kunstanbieter und ihr Publikum zurück. Verblüffend ist nur, dass daraus durchaus selbstgewisse Skulpturen werden, die aus ihrem ironischen Witz skulpturale Formen entwickeln.

Diese Gleichzeitigkeit akkurat bestimmter Formen und unerwarteter Ironie, ästhetischer Erscheinung und kommentierenden Spotts macht Demarys Qualität und Wirkung aus. Der 1958 in Troisdorf bei Bonn geborene und an der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf ausgebildete Künstler ist kein Betriebskritiker, sondern ein Bildererfinder. Auch wenn der Kühlschrank im zweiten Ausstellungsraum ein banales Inventarstück des Kunstvereins war, fungiert er nun doch mit einem unerwartet theatralischen Selbstbewusstsein. Aus mehreren Kabeln elektrisch gespeist, ist er im Raum aufgespannt wie ein glamouröses Objekt. Was immer das Publikum aber daraus schließt oder über den Verein erfährt, den es besucht — das Objekt ist ein suggestives Bild. Wie es zu Kunst geworden ist, wann etwas Kunst wird, und wie wir Kunst sehen, sind die nachfolgenden Fragen, die Demary durchaus vertrauensvoll dem Publikum überlässt.